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Herr, oh Herr!

Nun, da die seelische Verstümmelung durch den Zölibat allmählich offensichtlich wird, sollte endlich die Diskussion über den Sinn der sexuellen Enthaltsamkeit eröffnet werden, über diesen durchaus widernatürlichen Aspekt in der Auffassung des Religiösen. Aber nicht nur dieser sollte diskutiert werden. Man müsste schon fragen dürfen, ob lediglich der Zölibat oder gleich das gesamte christliche bzw. religiöse Wertesystem auf seine Tauglichkeit durchleuchtet gehört. Die Religionen sind sich in ihren hohen Aspirationen und Moralkonstrukten nämlich durchaus ähnlich, wie sie auch die Verachtung der Sexualität weitgehend eint.
Auffällig ist, dass derzeit religiöse Bewegungen einerseits global sehr forsch agieren bzw. agitieren, dass aber andererseits die Gesellschaften des Planets zunehmend massive Probleme mit religiös begründeten Handlungen bekommen, seien dies nun terroristische Bestrebungen oder sexuelle Exzesse. Allen gemein ist der Aspekt der Gewalt. Mit Sicherheit ist die Gewaltbereitschaft zum Teil auf eine unterdrückte Sexualität zurückzuführen, allerdings wahrlich nur zum Teil. Den Rest besorgen die Dogmen, die allein schon durch ihren diktatorischen, unterwerfenden Charakter und die unumstößliche Natur ihrer Art, also durch ihre mangelnde Flexibilität geeignet sind, Zwietracht zu säen, und erst recht durch ihre Inhalte, die sich nebst ihrer Unumstößlichkeit durch Diskriminierung des Andersartigen (zumeist aus Sicht des männlichen Betrachters) geradezu auszeichnen. Das oberflächliche Brüdergebrabbel der Religionen erscheint wie ein Irrlicht gegen die manifesten religiösen Metzeleien auch noch jeder Religion, sei es gegen das weibliche Geschlecht, fremdeVolksgruppen, fremde Glaubensgemeinschaften oder gar nichtmenschliche Geschöpfe.
Die Probleme, die sich den Gesellschaften derzeit aus dem religiösen Spektrum ergeben, waren in früheren Zeitaltern nicht oder nur wenig ersichtlich, da es zu jenen Zeiten kaum legitime sozio – politische Auffassungen gab, die sich außerhalb religiösen Denkens bewegten. Ein Konflikt der Gesellschaft mit religiösen Inhalten konnte selbstredend erst dann entstehen, als nicht religiös geprägte Auffassungen breitflächig legitim wurden, etwa durch das Lippenbekenntnis zum säkularen Staat. Obzwar also der säkularisierte Staat bislang eher eine kleine Utopie denn eine Realität ist, so schafft er zumindest die Hoffnung, für Ansichten wie die hier vertretenen nicht mehr auf dem Scheiterhaufen zu landen.
Wenngleich manche meinen, ein Erstarken der Religiosität auszumachen, so täuscht das. Das scheinbare Erstarken ist eine Offensive gegen einen unreligiösen Teil der Gesellschaften, der anteilig noch nie in der Menschheitsgeschichte auch nur ansatzweise so groß war. Bestärkt wird obiger Eindruck von einem demografischen Faktor, der besagt, dass religiöse Menschen paradoxerweise vermehrungsfreudiger sind als Atheisten. Paradoxerweise deswegen, weil man in den Religionen doch so eifrig die Sexualität verdammt. Gegen das Erstarken der Religionen spricht nicht bloß jener unreligiöse Anteil innerhalb aufgeklärter Gesellschaften, sondern auch der aggressive Missionierungsgeist des religiösen Fundamentalismus aller Couleur. Man könnte diesen auch als das Aufblähen vor der Implosion betrachten. Das geradezu schicksalhafte Auftreten massiver Missentwicklungen innerhalb der Religionen wie etwa der Terrorismus oder die aktuellen Sexualverbrechen sie darstellen, verstärkt den Eindruck einer ernsthaften Krise der Religionen. Es werden schlicht Wirkungen offenbar, die man bislang erfolgreich verheimlicht hat. Das war nur möglich, weil eben weite Teile der Gesellschaft in die Glaubensstrukturen integriert waren und gar keinen Freiraum hatten, diese Wirkungen sozusagen ideologisch von außerhalb zu betrachten.
Nun eine grundsätzliche Frage: Wieso darf eine religiöse Institution in einer säkularisierten Gesellschaft Schulen betreiben? Allein schon der Religionsunterricht in weltlichen Schulen ist ein Verstoß gegen den Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche, das Betreiben ganzer Schulen ist hierin geradezu ein Ungetüm. Zur unaussprechlichen Katastrophe wird so etwas, wenn sich erweist, dass die Lehrkräfte – in diesem Fall die Pfaffen – in Scharen Kinder vergewaltigt haben.
Grundlegend falsch scheint auch der in der Gesellschaft gemeinhin angestrebte Ansatz zur Aufklärung. Man rüttelt nicht ernsthaft an der Autorität der Institution und schon gar nicht am ideologischen Gerüst. “Aufarbeitung” klingt die Devise, vor allem bedächtig. Das zeugt von der doch starken Vereinnahmung der Gesellschaft durch “christliche” Werte. Dass die offenbar werdende Misere womöglich Resultat dieser sogenannten christlichen Werte sein könnte, kommt nicht vielen in den Sinn.
Ehe eine sogenannte Aufarbeitung möglich ist, muss erstmal die Wurzel des Übels beseitigt werden – zumal wenn sie offenliegt. Der derzeitige Erkenntnisstand erlaubt durchaus den Entzug der Lehrberechtigung für kirchliche Schulen, denn diese stehen sehr wohl unter Generalverdacht. Ganz abgesehen von einer effektiven Kontrolle der dort vermittelten Anschauungen scheint dort eine wirksame Kontrolle der Lehrkräfte nicht möglich zu sein. Gleichzeitig sollte der weltliche Teil der Gesellschaft die druckvolle Situation nutzen, um den Religionsunterricht aus den Schulen endgültig zu verbannen. Staatliche Geldströme an die Kirche sollten unter Druck der Öffentlichkeit geraten und eingestellt werden. Danach können vergangene Vergehen erst wirksam “aufgearbeitet” werden.
Nun suchen die Religionen natürlich den Verdacht von sich zu weisen, die Brut des Terrorismus oder die der Kinderschänderei seien auf ihrem Mist gewachsen. Von welch begnadeter Impertinenz und Selbsterfülltheit etwa das christliche Kirchenpersonal weiterhin beseelt ist, zeigte kürzlich der Bischof Zollitsch. Dieser forderte die Bundesjustizministerin ultimativ zu einer Entschuldigung auf, weil sie die Kirche zu mehr Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden aufgefordert hatte. Ein dreisteres Machtbewusstsein wurde in jüngerer Vergangenheit selten zur Schau getragen. Da fragt man sich allmählich, ob wir hier in einem Gottesstaat leben. Die Kirche kann es sich leisten, ganzen Scharen von Kinderschändern Schutz vor der staatlichen Justiz zu bieten und gleichzeitig die Justizministerin zur Ordnung zu rufen? Das ist fürwahr aberwitzig in einer Gesellschaft, die sich allen Ernstes als säkular betrachtet bzw. die Kirche und Staat angeblich trennt. Welch eine Worthülse das ist, wissen wir bereits durch die Kirchensteuer, die staatlich bezahlten Löhne der Bischöfe usw., dass aber nun ein Bischof eine höchste Amtsträgerin des Staates überhaupt zur Ordnung ruft, ist schlicht großmaulig.
In dieser Gesellschaft gehört Nutzen und Autorität der kirchlichen Macht ernsthaft auf den Prüfstand. Die Verflechtungen von Kirche und Staat sind schlicht zu dicht. Das Ausmaß des Skandals hinsichtlich der Dauer der Misshandlungstradition wie auch deren Intensität legt die Vermutung nahe, dass die Protektion den Kirchen lange auch vonseiten der weltlichen Justiz in weiten Teilen dieser sauberen Republik gewiss war. Es ist nämlich kaum zu glauben, dass den Strafverfolgungsbehörden über Jahrzehnte derart verbreitete Praktiken an etlichen Schulen schlicht entgangen sind, während man selbst über die Sockenfarbe jedes noch so kleinen Antifa – Aktivisten Bescheid wusste.
Natürlich ist hier ein gesellschaftlicher Diskurs nebst anderem über die Haltung der Religionen zur Sexualität zügig angebracht. Es drängt sich nämlich der Verdacht auf, im Kirchenstaat seien Praktiken und Ansichten tief verankert, die massive Anomalien im Verhalten ernsthaft begünstigen. Selbstverständlich rückt alsdann zunächst die Askese als Ursache in den Vordergrund.
Es gibt in jeder der größeren Religionen eine diffuse Sehnsucht nach Erlösung von der Fleischeslust – die man versucht durch Askese zu befrieden. Woher allerdings zukünftige Asketen kommen sollen, wenn der Idealzustand menschlichen Seins sexuelle Enthaltsamkeit ist, das bleibt dem Atheisten ein Rätsel. Die Askese ist also streng genommen wider die menschliche Natur bzw. trägt sie ein Quäntchen der Ansicht in sich, der Mensch sei verdorben und nicht würdig, sich zu vermehren. Wer nun die Askese als Protest gegen die seelische Verdorbenheit des Menschen pflegen möchte, dem sei das unbenommen und er oder sie möge sich die Genitalien versiegeln, aber zur Weisheit sollte eine solche Prozedur nicht erhoben werden – und erst recht nicht zum Diktat. Hier ist nicht die Rede von paar Fehltritten, sondern philosophisch gesehen vom Versagen der Askese, sei sie nun welcher Glaubensgesinnung auch immer. Schließlich hatte sie lange die Möglichkeit, sich zu bewähren.
Sublimierung wird die Verleugnung und Verdrängung der Sexualität genannt. Soll heißen: Umlenkung sexueller Energie in andere Tätigkeitsbereiche. Das ist der Kirche offenbar prächtig gelungen und in den Moscheen und Synagogen kann man sich ebenso für die Enthaltsamkeit – ausgenommen zur Vermehrung – beglückwünschen.
In einer säkularisierten Gesellschaft ist der Glaubensfreiheit Genüge getan, wenn die jeweiligen Gläubigen in ihren sogenannten Gotteshäusern auf den Knien rutschen dürfen, bis sich daran Schwielen bilden, aber in weltlichen Schulen hat religiöses Gedankengut nichts verloren.
Die Sex – Skandale innerhalb der Kirche sollten nicht bloß zum Anlass genommen werden, sogenannte Missstände in den Religionen zu diskutieren. Vielmehr gehören auch andere geistige Inhalte der Religionen als bloß deren Weisheiten zur Sexualität einem breiten gesellschaftlichen Diskurs unterzogen. Nebst einer bigotten, verkommenen Sexualmoral transportieren die Religionen nämlich eine ganze Handvoll vor Hass schäumender Ansichten, die schön verpackt in saubere Worthülsen ihr Werk im Unterbewusstsein der Menschen tun. Eine schiere Unzahl kriegerischer Auseinandersetzungen wurde und wird mit religiösem Missionarsgeist beheizt. Es sei hier zudem ein Gedankenspiel hinsichtlich menschlicher Unterwerfung erlaubt: Religiöse Strukturen spielen Kriegstreibern schon von daher in die Hände, dass sie mit den Gläubigen eben die Unterwerfung üben. Ohne Unterwerfung des Individuums ist kein anständiger Krieg zu machen. Ist aber ein Individuum an eine Obrigkeit gewöhnt, so fällt es ihm gewiss leichter, auch noch eine zweite zu akzeptieren.
Da nun wie bereits erwähnt die Gesellschaft bedauerlich stark sogenannten christlichen Werten verpflichtet scheint, ist ein neutraler Umgang der Öffentlichkeit mit den skandalösen Missbrauchsfällen wenig wahrscheinlich. Eher ist es zu erwarten, dass die Medien das Volk mit dem Thema bewerfen, bis allgemeine Ermüdung eingetreten ist, damit dann die Kirche in aller Stille die Misere zu einem “aufgearbeiteten” Ende bringt, d.h. die Vertuschung vervollkommnet. Im Angesicht dieser sattsam bekannten Dynamik in der Berichterstattung (siehe Finanzkrise u.a.) ist seitens der Gesellschaft ein waches Auge angebracht. Es besteht durch die Vorfälle innerhalb der Kirche die historische Möglichkeit, uns einen alten Klotz vom Bein zu schaffen, aber zu gern ist man nämlich an diversen gesellschaftlichen Schnittstellen bereit, die kirchliche Vergewaltigung nach einer ersten medienwirksamen Entrüstung zu verharmlosen und dann der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Die Politik etwa verhält sich beachtlich leise in dieser Sache. Es ist die Zeit der runden Tische und des “Vorbeugens” zukünftiger Untaten. Es wird viel um Verzeihung gebeten, Scham empfunden und dergleichen Scheinheiligkeiten zum Besten gegeben. Aber es dringt aus den Reihen der Kirche unverhohlen ans Ohr der profanen Welt: Haltet euch da raus!

Posted in GESELLSCHAFT, MIX.


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