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Bildung Ahoi!

Arme Eltern, teure Bücher

Es ist dem Verfasser dieses Beitrags aus Gründen der persönlichen Betroffenheit ein Bedürfnis, sich hier über die Schulbuchpolitik auszulassen.
Der Verfasser ist Vater von zwei Kindern.
Im Laufe der Jahre hat sich bei diesem Vater der Eindruck verfestigt, die Schulbuchverlage hätten eine starke Lobby in den Kultusministerien der Länder.
Die diesjährige Bücherliste für einen Schüler der siebten Klasse eines Gymnasiums in RLP brachte es auf Ausgaben der Eltern i.H.v. ca. € 260,-.
Nun sollen drei Beispiele dieser Liste näher beleuchtet werden.

Frechstes Beispiel ist das Ethik-Buch. In den Klassen 5 und 6 wurde ein bestimmtes Buch genutzt, das mit Abschluss der 6. Klasse ausgedient hatte.
Für die siebte Klasse sollte jetzt ein Buch für etwa € 20,- bestellt werden, das aber nur für die Klassen 5 – 7 gültig ist. Also blieb dem leidenden Vater nichts übrig, als den frisch gedruckten Auslaufschinken zu bestellen. Man könnte argwöhnen, dies sei kein Zufall.

Das zweite Beispiel – ein Physik – Buch (“Impulse”) – ist nicht minder frech, jedoch in anderer Hinsicht.
Der besagte geplagte Vater sollte diesmal für € 30,- ein für RLP gültiges Buch desselben Namens erstehen.
Derart getrieben, riskierte jener Vater also einen Probekauf, um die RLP -Vorgabe mit einer etwas älteren NRW – Ausgabe zu vergleichen. Tat er denn auch und verglich dieses mit dem eines Freundes seines Sohns. Und siehe da – er fand den Verdacht bestätigt. Die Bücher waren bis auf die Anordnung der Kapitel identisch.
Das NRW – Buch scheint ausgemustert worden zu sein, da es mit Versandkosten für € 3,- zu haben war und auf Ebay inflationär angeboten wurde. Das RLP – Buch ging bei Ebay jedoch auch gebraucht nicht unter € 20,- weg, da es erst ein Jahr alt war.
Der durch diesen Zug des Vaters arg benachteiligte Sohn muss nun nordrhein – westfälische Physik mit rheinland – pfälzischer vereinbaren, indem das besprochene Kapitel auf einer anderen Seite des Buches, jedoch in identischem Wortlaut zu finden ist.

Nun könnten findige Kultusministerien argumentieren, es habe sich kristallisiert, dass bestimmte Themen in der zeitlichen Abfolge – also im Unterrichtsverlauf – umarrangiert werden müssten, weswegen Neuauflagen neuen Erkenntnissen über das Lernverhalten der Kinder Rechnung tragen müssten.
Dem wüssten alle SchülerInnen aller Generationen zu entgegnen, dass sich Lehrer sowieso nie an die Reihenfolge der Themen in den Büchern halten.
Wozu also der bombastische Mehraufwand?

Drittes Beispiel ist das Musik – Buch für knapp €20,-. Das Buch “Spielpläne” existiert seit Mitte der 90 – er Jahre des letzten Jahrhunderts und scheint stets Fortschritte der Musikwissenschaft zu enthalten, die bei seinen Vorgängerexemplaren noch nicht zum Tragen kamen.
Also verglich der verzweifelte, in Tränen aufgelöste Vater ein Buch aus den 90 – ern mit der aktuellen Auflage der “Spielpläne”.
Und siehe da, auch in der Musik hatte sich wie in der Physik in zehn Jahren nichts getan, was die gymnasiale Mittelstufe tangieren könnte, außer Kapitelverschiebungen.

Die Schule, welcher der nunmehr völlig ergraute Vater zum Opfer fiel, hat 1400 SchülerInnen. Man erinnert sich: € 260,- pro Kind und dies für 1400 Sprösse.
Grob überschlagen dürften das bei einer einzigen Schule also etwa € 360,000,- jährlich sein. Das ist stattlich, wenn nicht gar unverschämt.

Der Autor meint, hier einen effizienten Lobbyismus der Großverlage wie Schroedel, Klett, Cornelsen usw. zu entdecken. Ein jährlicher Gesamtumsatz der Bildungsmedien i.H.v. €450 Millionen will verteidigt werden.
Das könnte etwa so aussehen: Im Kultusministerium XY sitzen ein paar von den Verlagen Begünstigte an jenen Stellen, wo die Lehrpläne erarbeitet werden.
Diese Begünstigten suggerieren dann mit wissender Miene die Notwendigkeit einer speziell auf das Bundesland zugeschnittenen Neuauflage eines beliebigen Buches.
Es geht doch um die Kinder! Wir wollen doch Bildung für sie, liebe BürgerInnen! Und was tut man nicht alles für sein liebreizendes Kleingesindel?
Das scheinen auch die Schulbuchverlage wachsend effizient zu verinnerlichen.

Anders als die Verlage, die dem freien Markt unterworfen sind, bilden diese Verlage eine Enklave des finanziellen bzw. auftragstechnischen Glücks, denn sie profitieren von einem Diktat der Kultusministerien, d.h. die Bücher müssen gekauft werden.
Auch wenn – wie in wenigen Fällen – der Staat die Buchkosten trägt, fallen diese trotzdem auf Kosten der SteuerzahlerInnen an, also fließt das Geld in die Taschen der Bildungsverlage. Das ist ein wunderbar sicheres Geschäft, solange das Diktat der Kultusministerien nicht von außerhalb kontrolliert wird und diese erfolgreich von Lobbyisten unterwandert werden. Indes, die Chance, Kultusministerien von außerhalb zu kontrollieren, besteht nicht.

Die beachtlichen Gewinne der Bildungsverlage im Zuge der ständigen Neusortierung des Lernstoffs stehen allerdings im Gegensatz zu den ernüchternden Befunden hinsichtlich des Wissensniveaus der deutschen SchülerInnen.

Die Gewinne der Verlage verhalten sich – auf schuldeutsch gesprochen – sozusagen umgekehrt proportional zu den Leistungen derer, für die die Bücher gedruckt werden. Ein Zusammenhang, der die Logik herausfordert: je teurer die Schulbücher, desto schlechter das Wissen der SchülerInnen.

Das ungeschriebene Buch, das was kostet

Eltern kennen das. Die Kinder müssen jährlich bei Schulanfang €10,- für anfallende Fotokopien mitbringen . Bei 1400 Schülern macht das €14000,-. Für diese Summe kann man beim derzeitigen Preis von etwa 2,50 für 500 Blätter 2.800.000 Kopien machen.
Gut, Wartung, Toner und Anschaffung der Geräte nicht mit eingerechnet – auch nicht der Rabatt für die hohe Zahl der Blätter, von dem die Schulen sicherlich profitieren.
Die Maschinen halten allerdings mehrere Jahre und die Kosten für die Wartung dürften generell überschaubar sein. Wenn also eine Schule dieser Größenordnung eine Maschine fünf Jahre lang betreibt, für diese – sagen wir – €10.000 für die Wartung samt sonstigen Nebenkosten ausgibt und diese Kiste seinerzeit €10.000 gekostet hat, dann hat diese Schule im Verlauf von fünf Jahren einen ungerechtfertigten Gewinn von €50.000 auf Kosten der Eltern gemacht.
Man stelle sich eine bundesweite Geldspritze dieser Art für die Schulen vor. Es gibt in Deutschland konstant um die neun Millionen SchülerInnen jedes Jahr. Das wären jährlich 90 Millionen Euro Umsatz der Schulen aus Erlösen von Fotokopien. Binnen eines Jahrzehnts käme man auf fast eine Billion Euro. Das ist stattlich für einen steuerfreien Posten.

Das Arbeitsheft, der Titan

Zurück zu den Schulbüchern. Ein phantastischer Markt ist jener der Arbeitshefte. Wie viele Eltern wissen, zeichnen sich Arbeitshefte durch wenige gedruckte Buchstaben auf viel unbedrucktem Papier aus.
Allein die Arbeitshefte für die beiden Kinder des Verfassers kosteten diesmal €65,-.
Vorbei die Zeiten, als SchülerInnen noch mühsam ganze Sätze aus Übungsbüchern abschreiben mussten, wobei sie auch noch mit diesem oder jenem Wort überhaupt erst in Berührung kamen.
Das moderne Arbeitsheft ist ein für die Verlage einträglicher Kindsverblöder.
“Kreuze bitte an:
Steve has drove oder Steve has driven?” Gut, das ist eine Überspitzung.
So etwas bringt sprachliche Monster wie Oettinger oder Westerwelle hervor.

Fazit

Bildungsverlage, Schulen und Lehrer leben sorglos in Deutschland. Die Verlage müssen sich nicht – wie herkömmliche Verlage – damit herumschlagen, neue AutorInnen zu entdecken, die Schulen erwirtschaften Nebenverdienste und die Lehrer sind nahezu unkündbar.
Die Kultusministerien sind vermutlich von Lobbyisten der Bildungsindustrie durchsetzt, denn das Geschäft läuft schon zu lange zu gut, als dass das nicht so wäre.

Ist die Regierung eines Landes korrupt, dessen Bildungsetat z.B. für 2010 10,86 Milliarden Euro beträgt, während gerade aktuell die HRE – Bank abermals mit Sicherheiten seitens des Staates i.H.v. 40 Milliarden Euro gestützt wird, womit sich die staatlichen Garantien für marode Banken nunmehr auf etwa 800 Milliarden summieren? Während dieser Staat mit 1600 Milliarden bei denen in der Kreide steht, für die er gerade mit dem Geld des Volkes garantiert? Ist der Staat wirklich das Volk?

Ist im Lichte all dessen eine vollmundiges Bildungsgefasel angebracht, während Kindergartenplätze bis zu 200 Euro kosten, Eltern die Schulbücher ihrer Kinder kaufen müssen oder ein Platz an der Uni vielerorts nur noch gegen Bares zu bekommen ist?
Oder ist nicht vielmehr seitens der Politik ein elitäres Dummdeutsch im Gange, das die Verdummten in nutzlose Erwägungen verstricken soll, während Banken, Pharma-, Energie- und Medienkonzerne ihr Glück beinahe nicht fassen können? Und die “lobbyierenden” Staatsbediensteten natürlich mit?

Posted in GESELLSCHAFT, MIX.


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