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Brief vom Weihnaxmann

Ja, es hat etwas, dieses deutsche Land, etwas von Heines “Wintermärchen”, und etwas von Nietzsches “Dekadenz”. Von gut alimentierten Lobbyisten und einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Verteilung der Güter. Von schamlosen Floskelspuckern, die selbstverliebt auch noch die hohlsten Worthülsen als Statement feiern, in einer rätselhaften Gewissheit, dabei eine gute Figur zu machen. Wenn man diesen frühindustriellen Vorkämpfern beim Darbieten ihrer perfiden Ansichten zusieht, weiß man alle demokratischen Ideale auf dem Misthaufen, einen eitel krähenden Hahn darauf inklusive.

Oh, strahlende Zukunft, in die wir geraten sind. Die Intelligenz ist kultiviert. Man wähnt sich nahe an hehren gesellschaftlichen Idealen. Die Presse ist artig. Wohlgenährt, klug. Die Menschen, die da schreiben und berichten, sind satt. Es ermangelt ihnen an Pfiff, an Nase für das Gemeine in dem, was sie umgibt.

Brav wird die Verelendung und die Korruption diskutiert. Hierzulande hungern Journalisten nicht – und den natürlichen russischen oder chinesischen Journalistentod sterben sie auch nicht. Sie prügeln sich um Belanglosigkeiten. Die deutsche Presse ist kritisch – also in einem kritischen Zustand.

Die restliche Intelligenzia kreist fasziniert um sich selbst. Die Diskussionsrunden sind manierlich. Man gibt sich nachdenklich. Meister der ausgewogenen Ansichten. Berge Wissender türmen sich mit kluger Miene und wiegenden Köpfen in endlosen Talkrunden – wie das heutige Nähkästchengeplänkel chick heißt. Oh, goldenes Zeitalter, das du hier anbrichst.

Die Gleichschaltung der Meinungen geschieht nicht durch einen zackigen Schnurrbartträger, nein, durch ein System willfähriger, intelligenter Idioten, die allesamt in einer wohl situierten Mitte der Gesellschaft Platz finden. Dieser Platz ist der Lohn für das artige Benehmen.

Was hat die Intellektualität nicht alles erkannt, gesagt, angemahnt und dergleichen?! Schließlich „herrscht“ Meinungsfreiheit. “Freiheit herrscht nicht”, hat Erich Fried mal geschrieben.

Doch oh weh! Der Terrorismus, die Globalisierung, die Bankenkrise, die maroden Staatshaushalte! All dies erfordert entweder Gegenmaßnahmen oder Anpassungen.

Der allerorts gegenwärtige Terrorismus erfordert eine intensivierte Überwachung des Individuums durch den Staat, die Globalisierung erfordert eine Nivellierung der Einkommen nach unten, um die “Wettbewerbsfähigkeit” zu steigern, die Bankenkrise und die maroden Staatshaushalte machen es notwendig, der Habgier und der Verschwendungssucht mit Steuermitteln zu begegnen.

Das Individuum wird also intensiv überwacht, sein Verdienst schrumpft und die Abzüge von seinem bereits geschrumpften Verdienst werden höher. Darüber hinaus muss besser beäugt werden, was das Volk eigentlich grundsätzlich treibt, in fiskalischer wie in politischer Hinsicht.

Viele Kleinverdiener hinterziehen kritischen Journalisten zufolge mehr Steuern als wenige Großverdiener. Da haben wir ´s. Die Geringverdiener sind die, die eifrig abzwacken. Und die Presse hat es aufgedeckt. Man muss das differenziert betrachten. Nicht immer nur die Sicht des Volkes bekleiden. Daher sind auch Lohnerhöhungen deplaziert. Der gemeine Michel nimmt sich seinen Teil so oder so. Der soll gefälligst die Höhe des Trinkgelds offen legen.

Parallel berichtet die Wirtschaftspresse von konstanten oder sogar steigenden Gewinnen der Finanzkonzerne trotz angeblicher Krise, wie auch von üppigen Gewinnen in einem Großteil anderer Wirtschaftszweige.

In der “freien Marktwirtschaft” heißt der Diebstahl von Arbeitskraft offenbar “Gewinn”. Mittlerweile wird in “Expertenkreisen” von einem großartigen Aufschwung fabuliert, welches Fabulieren gewissermaßen die Hauptaktivität dieser Kreise zu sein scheint. Bald wird es auch noch einen Studiengang „Expertenfabulieren“ geben.

Wie auch immer, die Gewinne auf der einen Seite haben angeblich nichts mit den Entbehrungen auf der anderen zu schaffen.

Das alles hat etwas von einem gepuderten Hammel des späten Barock, der den abgenagten Knochen, den er dem Volk hinwirft, für eine Wohltat hält und nicht müde wird, seine eigene Gönnerhaftigkeit zu bejubeln.

Gleichzeitig zu diesen Entwicklungen wird in den unteren Einkommensbereichen “der Gürtel enger geschnallt”, bis Schneewittchen der giftige Apfelbissen aus dem Rachen hüpft.

Während die Gewinne der Banken und weiter Teile der Wirtschaft anschwellen, bezahlen viele Eltern in Deutschland die Schulbücher und die Studienplätze ihrer Kinder, und Geringverdiener werden trotz langer Arbeitszeiten zu Bittstellern. Hinzu kommen Beitragserhöhungen, Preisanpassungen, “Zusatzbeiträge“ oder gleich der Wegfall ganzer Einrichtungen aus dem Versorgungsbereich des Staates, etwa von Büchereien, Jugendzentren, Schwimmbädern etc, wobei der Staat sich hier einiger Aufgaben zu entledigen sucht, die wahrlich zu seinen elementaren Pflichten gehören.

Das System ist intakt. Man hat sich in Politik, Medien und Wirtschaft gemütlich eingerichtet, zum Bleiben sozusagen. Das Volk hungert nicht, was immer von Vorteil ist, auch ist es ausreichend dumm gehalten, um nicht selbständig denken zu können.

Die Unterhaltungshallen sind prall gefüllt, das jeweilige Spektakel wird in HD- , 3D – und sonst welchen Formaten auf die mondänen Breitwände im Heimkino übertragen. Wenn sich dann ein Knabe mal den Hals bricht …, dann singt ihm eine Göre ein Lied. Man stellt sich der gesellschaftlichen Verantwortung. Spiele braucht der Pöbel schon, aber auch Brot für die Seele.

Eine feine Balance besteht zwischen dem subjektiven Eindruck, gut informiert zu sein und dem fehlenden Raum, die Informationen zu verdauen bzw. zur geistigen Nahrung werden zu lassen. Dafür sorgt das schlichte Ringen um die Existenz, dem ein Großteil der Gesellschaft unter dem Diktum der so genannten freien Marktwirtschaft ausgesetzt ist – speziell in Deutschland, wie auch in einigen anderen Ländern, wo eine ausgefeilte, gewachsene Bürokratie das Volk mehr oder weniger sanft, dafür aber durchaus bestimmt auf Trab hält.

Die individuelle Kreativität des Denkens wird vom Kleinklein des Alltags absorbiert. Sämtliche produktiven Bereiche der Gesellschaft sind von der Hetze durch die Konkurrenz betroffen. Wirtschaftliches Handeln ist nicht von einem Miteinander sondern von einem Gegeneinander geprägt, es wird nicht als Beitrag zur Prosperität der gesamten Gesellschaft begriffen sondern als Selbstdefinition des Individuums in Abgrenzung zur Gesellschaft, oder zumindest zu Teilen von ihr. Du bist, was du hast.

Die “freie” Marktwirtschaft behauptet felsenfest, der Mensch habe nur als ökonomisches Wesen Bestand.

Der Bestand ist absehbar: Die Güterverteilung ist himmelschreiend, der gesamte Planet ist zu einer einzigen Dreckschleuder verkommen.

Auf den Meeren schwimmen ganze Kontinente aus Plastikmüll, die leckeren Meeresfrüchte ersticken daran und landen als Plastikgranulat auf den Tellern des Melkviehs.

Die Reste des atomaren Wohlstands werden in der Nachbarschaft des Grundwassers verscharrt und sickern langsam in die Herzen, Lungen, Lebern und Nieren unserer Kinder.

Ja, die Kinder, unser Rohstoff. Kinder – das Wort, das manche gern so rührend lächeln lässt. Etwa die Marienerscheinung von der Leyen oder die Bildungsmaria Schavan. Oder das Familienmariechen Schröder. Oder die Obermaria Merkel. Der Staat hat sich durchaus marianisiert – um nicht zu sagen, quotentechnisch gemausert. Aber die Gier kennt im besten Fall kein Geschlecht. Semantisch ist sie im Deutschen eher weiblich. Nun wollen wir aber nicht dem Chauvinismus das Wort reden.

Zurück zur Freiheit: Es gibt den Staat im Staate, etwa in Deutschland die 5,5 Millionen Bediensteten des Staates. Hinzu kommt noch ein Heer von Rechtsverdrehern, ein bombastisches Versicherungswesen, ein vielfarbiges Maklertum jeglichen vermittelbaren Gutes und eine weitgehend wohlwollende Medienarmee. All diese Netze haben sich nutznießerisch um den Staat gewoben und ragen weit in die so gern bemühte Freiheit der Gesellschaft hinein.

All die Erwähnten erschaffen also keine „realen“ Güter, sondern tun „Dienst am Kunden“. Und den tun sie gründlich. „Dienstleistungsgesellschaft“ nennen sie das. Die meisten Güter sind weniger wert als eine Dienstleistung an ihnen. Einen wackelnden Küchentisch neu zu verleimen, ist teurer, als einen neuen zu bestellen.

Man möchte fast meinen, die „Dienstleistungsgesellschaft“ sei der nächste Schritt in der Evolution der Menschheit.

Reguliert wird die Existenzberechtigung der eben erwähnten Rechts-, Versicherungs-, Makler- und Medienstrukturen vom Staat selbst, der den rechtlichen Rahmen für Pflichtabgaben, Pflichtversicherungen etc. absteckt und somit für die eigene Alimentierung mit sorgt. Da der Staat überdies Hauptnutznießer der Steuern ist, kann er kein Interesse daran haben, das ihn fütternde Volk vor Auswüchsen einer außer Rand und Band geratenen Raubtierökonomie zu schützen. Sozusagen nimmt der Staat das Volk nicht nur in Form direkter Steuern aus, sondern auch über die der wildernden Wirtschaft, die streng besehen nebst eigener Alimentierung durch ihre Abgaben an den Staat auch als Geldeintreiberin für diesen fungiert.

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, was es bedeutet, wenn locker ein Viertel der etwa vierzig Millionen Erwerbstätigen in Deutschland keine Güter erschafft, sondern ungreifbares Gut verwaltet. Diese Menschen müssen ständig darauf bedacht sein, sich neue Aufgaben zu schaffen.

Das System ist derart unumstößlich, dass jeder Erneuerungsgedanke das Weite sucht. Auch noch der absurdeste Auswuchs ist gerechtfertigt und mit teutonischer Sorgfalt wetterfest in Paragraphen gegossen.

Der Staat erlässt Erlässe und Gesetze nach Belieben, die Journalisten berichten vernünftig darüber, das Rechtswesen wägt vernünftig ab, Kritik wird mit „demokratischer Legitimation“ abgebügelt, weite Teile des Volkes können getrost als sanft gefesseltes Melkvieh bezeichnet werden. Es ist ein bisschen wie mit jener Ameisenart, die sich Blattläuse als Haustiere hält, um sie zu gegebener Zeit auszusaugen. Deren Körperflüssigkeit ist angeblich süß.

Die Grenzen sind also nicht mehr zwischen Staat und Volk zu ziehen, eher zwischen Nutznießern staatlicher Umtriebigkeit und restlichem Volk. Und diese Grenzen sind äußerst fließend, so fließend, dass viele Menschen auf Umwegen von besagter Umtriebigkeit profitieren und sich daher gern weigern, die langfristigen Nachteile eines unproduktiven Systems zu sehen.

Der Staat ist nicht bloß Erfüllungsgehilfe nebulöser Wirtschaftskreise. Mit seinen Aktivitäten erschafft er sogar welche, die ihn dann erneut speisen.

Die alten Imperien dürften mit Neid auf die raffinierte Konstruktion der deutschen Demokratie blicken. Nie hat man einen so üppig ausgereiften, ausgestatteten Staat erlebt, wie den deutschen und seine staatsfreundlichen Peripherien.

Wir erleben hier ein ideales System eines unantastbaren Parasitismus. Nie war Diebstahl so legal, so unanfechtbar wie heute in Deutschland. Der gute alte Beruf des Diebes ist vom Aussterben bedroht.

Der moderne Diebstahl geschieht heute über Abgaben, Gebühren, Beiträgen, Pauschalen etc. Welcher aufrechte Scharlatan lässt sich heute noch mit der Hand in seines Nächsten Tasche erwischen?

Da lobt man sich die Zeiten ehrlicher Wegelagerei, als man wusste, dass jeden Augenblick ein Räuber aus dem Busch springen könnte.

Heute schicken die Räuber Briefe mit der Ankündigung einer Gebühren- oder Preiserhöhung. Die „freie Marktwirtschaft“ macht vermummtes Räubertum überflüssig. O tempora, o mores.

Nun zum Gedanken der Diktatur. Was zeichnet eine Diktatur aus? Sie mag viele Eigenschaften haben, aber zweifelsfrei gehören Überwachung, so wie wirtschaftliche und politische Bevormundung dazu.

Wenn die Geheimdienste die Forderung nach mehr Gerechtigkeit als Gefährdung der demokratischen Grundordnung erachten, wenn der gesellschaftliche Alltag geprägt ist von Meldepflichten, Anträgen, Genehmigungen und Verboten der absurdesten Zuschnitte, wenn Kritik an nationalistischen oder fundamental – religiösen Umtrieben als Verunglimpfung nationaler oder religiöser Symbole geahndet wird, dann wird das Würmchen Freiheit, das unter langem und hohem Blutvergießen ergattert wurde, dahingerafft sein von den gut alimentierten Krähen des Staatswesens und der wirtschaftlichen Potenz einer Nomenklatur, die auf Übervorteilung, Diebstahl und Betrug gründet.

Anders als in totalitären Systemen arbeitet die so genannte “Diktatur der Bürokratie” mit demokratischem Instrumentarium. Sie bezieht ihre diesbezügliche Legitimation aus der freien Wahl, ein Merkmal, durch das sie sich stolz von einem totalitären Regime distanziert.

Zur Diktatur mutiert die demokratische Struktur mit einer gewissen Unschuld, denn individuelle Gier und der Selbsterhaltungstrieb eines ständig wachsenden bürokratischen Systems überrollen offenbar das Gleichheitsgebot der demokratischen Idee. Wie man also früher vom real existierenden Sozialismus sprach, so müsste man heute von der real existierenden Demokratie sprechen, die in der akuten Gefahr lebt, zur Diktatur der Bürokratie zu werden, so wie die sozialistische Idee in die “Diktatur des Proletariats” mündete.

Die neue Repression findet unter der Ägide der Freiheit statt. Alle Maßnahmen des Staates durchlaufen einen mehr oder weniger freiheitlichen Prozess der Vermittlung und werden – oft durch seriös gekleidete Werbemaschinen befeuert – dem Volk schrittweise untergejubelt. Man arbeitet mit dem Argument. Das Gegenargument wird zwar zugelassen, ändert aber nichts an der Sache.

Später dann, wenn die Menschen zu beanstanden haben werden, dass ihre Konten offen liegen, ihre Telefone abgehört, ihre digitale Post von Unbefugten gelesen, ihre Körper gescannt und all ihre Bewegungen in der Öffentlichkeit gefilmt werden, dass ihre politische Gesinnung, ihr Konsumverhalten, ihre kulinarischen und sexuellen Vorlieben dem Staat und seinen Verbündeten bekannter sind, als es ihnen lieb sein kann, dann wird der Staat ihnen unter die Nase reiben, dass all diese Maßnahmen einen demokratisch legitimierten Prozess durchlaufen hätten.

Ein alter politischer Fuchs, Heiner Geißler, hat den Deutschen neulich gezeigt, wie man eine Bewegung „demokratisch“ einschläfert. Wie leicht sich die „Stuttgart 21“ – Gegner haben aufs Eis führen lassen – das wird ihnen jetzt wohl allmählich dämmern. Ein simpler Taschenspielertrick aus dem Wunderkasten eines geübten Demagogen hat einer für den Staat in mehrfacher Hinsicht bedrohlichen Bewegung sanft den Wind aus den Segeln genommen. Dass die Protestler gewissermaßen ein Gegenkonzept vorlegen sollten, war keine faire Forderung, aber eine, auf die sie nicht hätten eingehen dürfen. Ihre ursprüngliche Forderung war richtig: Sofortiger Stopp aller Baumaßnahmen und dann das Ausarbeiten eines völlig neuen Konzepts unter Einbeziehung der Steuerzahler.

Das Signal, das vom Ende dieser Bewegung in verschiedene Richtungen ausgeht, ist vielsagend. Einerseits braucht sich der Staat keine allzu großen Sorgen zu machen. Ernstzunehmende Protestbewegungen sind in Deutschland auch weiterhin nicht zu erwarten.

An der Protestlerfront wiederum ist man ernüchtert angesichts der Verschlagenheit des Gegners, aber auch angesichts der eigenen Naivität. Wer sich mit Zockern an einen Tisch setzt und dabei auch noch wissentlich deren gezinktes Kartenset als Spielmasse akzeptiert, der hat verdient verloren. Geißler hat phantastisch gezeigt, was einen Polit – Veteranen von normal Sterblichen unterscheidet bzw. wie Masse ohne Gewalt gefügig gemacht wird. Ein Lehrstück in Sachen Volksbeteiligung.

Und ein schlechter Tag für die Freiheit.

Posted in GESELLSCHAFT, MIX, POLITIK.


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